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Bratsch VS: Digitale Plattform für Schulkinder

Die Privatschule im abgelegenen Bratsch VS boomt, dank innovativer Pädagogik und digitaler Technologie. Das Modell könnte zukunftsweisend sein.

Das Oberwallis ist vorbildlich darin, Glasfasern auch abseits der Zentren zu verlegen. Dank einem solidarischen Finanzierungsmodell erschliesst die Danet AG auch kleine und abgelegene Ortschaften mit dem Hochbreitband. Bereits haben über 50 Prozent der Walliser Haushalte einen FTTH-Anschluss, was ein absoluter Spitzenwert ist fürs dünnbesiedelte Gebiet. Wie sich dank modernster Technologie ein Bergdorf aufwerten lässt, erzählt an der openaxs FTTH Conference Damian Gsponer.

I: Der wilde Bub

Der Schulleiter von Bratsch war ein wilder Bub, wie er an der Conference erzählt. Sein Leben abenteuerlich und abwechslungsreich, geprägt von Fussball, Küken-Handel und Brüten im eigenen Zimmer. Dabei habe er alles gelernt, was er fürs Erwachsenenleben brauchte. Über den Fussball habe sich ihm der Teamgeist erschlossen, die Taktik, aber auch die Geografie und sogar die Geschichte – als Dänemark 1992 Europameister wurde, nachnominiert für das Team aus Jugoslawien, wo Krieg herrschte.
Für den Kükenhandel machte Gsponer Kalkulationen aller Art, erwog, ob er eher auf Eintagesküken setzen sollte, rechnete das Krankheitsrisiko mit ein, die Futter- und Aufzuchtkosten. Er übte sich in Sozialkompetenz, um in der Nachbarschaft Kundinnen und Kunden zu gewinnen und zu halten, er setzte Verträge auf, weil auch seine Brüder ins lukrative Geschäft einsteigen wollten. Und im eigenen Zimmer hatte er allen Freiraum, den er brauchte, um seine Ideen zu entwickeln.

II: Der innovative Pädagoge
«Das einzige Problem in meiner Kindheit», sagt Gsponer, «war die Schule. Sie raubte mir so viel Zeit, die ich lieber in meine Projekte investiert hätte.»
Dieses Problem will Gsponer als Lehrer in Bratsch mustergültig lösen. Er geht als Schulleiter von den Interessen der Kinder aus – von der Frage, wie die Schule Kinder unterstützen kann, ihre eigenen Ideen und Projekte zu verwirklichen, und wie sich diese Kompetenzen mit dem Lehrplan 21 in Übereinstimmung bringen lassen.
Die Lehrerinnen und Lehrer sind Coaches. Sie pflegen die Beziehung zu den Kindern, besprechen Woche für Woche deren individuelle Pläne und Lehrziele, vernetzen die Kinder mit Fachwissen, das sie von Eltern beziehen können, von Dorfbewohnenden, Unternehmen. Frontalunterricht im Klassenzimmer war gestern.
Unkonventioneller Unterricht kann zu besorgten Eltern führen, zur Frage, ob die Kinder mit ihren eigenen Projekten überhaupt lernen, was Kinder in der Schweiz können sollten, heute und morgen.
Deshalb ist der pädagogische Ansatz der Privatschule nicht denkbar ohne Technologie. Auf einer Plattform namens Hazu sind Projekte, Kompetenzen und vieles mehr übersichtlich dargestellt. Unternehmen und Privatpersonen können sich einklinken, indem sie ihr Fachwissen zugänglich machen. Eltern und Kinder können nachverfolgen, in welchen schulischen Kompetenzen über Projektarbeiten Fortschritte erzielt werden und wo Defizite bleiben.
Besonders wichtig wird die individuelle Förderung in Hinblick auf die Berufswahl. Die erarbeiteten Themen, Projekte und Kompetenzen werden mit Berufsbildern abgeglichen und in Übereinstimmung gebracht. Hat ein Kind auf dieser Grundlage einen Lehrbetrieb gefunden, verbringt es noch als Schulkind bereits einen Tag pro Woche im künftigen Lernbetrieb. Die Lehrmeisterin oder Lehrmeister meldet über die Plattform zurück, welche sozialen oder schulischen Kompetenzen sich das Kind noch erarbeiten sollte, um später erfolgreich in die Lehre einsteigen zu können. Ein duales Bildungssystem per excellence bereits ab der 8. Schulklasse.
«Die digitale Vernetzung ist zentral für unser Schulmodell», fasst Gsponer sein Referat zusammen. «Würden Sie die Kinder aber fragen, was die Digitalisierung ist, würden Sie keine schlüssige Antwort erhalten. Die Kinder wachsen ganz selbstverständlich mit den digitalen Tools auf und nutzen sie für ihren Unterricht.»

III: Die Bilanz zum Experiment
Gsponer hat eine Schule geschaffen, die er sich als Kind gewünscht hätte. Kein Wunder, zieht er nach vier Jahren eine positive Bilanz. Dass das Bratscher Experiment erfolgreich ist, bestätigen aber auch die Lernresultate der Kinder im Schulvergleich respektive die erfolgreiche Eingliederung der Kinder ins Berufsleben. Und nicht zuletzt eine Laudatio, die der Verein Schweizer Schulpreis auf die Privatschule Bratsch verfasst hat:
«Die Schule Bratsch zeigt ein sehr gelungenes Beispiel, wie einer in ihrer Existenz bedrohten Gemeinde neues Leben eingehaucht werden kann. Eine Warteliste mit 50 Kindern belegt eindrücklich ein solches Bedürfnis nach einer Schule im Dorf, und es ist den Verantwortlichen zu wünschen, dass sie künftig staatliche Unterstützung erhalten werden. Das Schulmodell Bratsch zeigt, wie der Betrieb einer Schule der entscheidende Faktor zur Revitalisierung einer vom Aussterben bedrohten Dorfgemeinschaft darstellt.»