openaxs - fiber connection for everyone

Schöne, neue Technologiewelt

Zukunftsforscher Lars Thomsen über den Zusammenhang von Zukunft-Erforschen und Popcorn-Zubereiten, den Segen der Künstlichen Intelligenz und künftige Geschäftsfelder für Energieversorger. Auch für die EKT, Gastgeberin der FTTH openaxs Conference.

Der Trend- und Zukunftsforscher Lars Thomsen gehört zu den weltweit führenden Forschern im Bereich Energie, Mobilität und Smart Networks. Dabei hilft er verschiedenen Institutionen, Regierungsstellen und Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle für die Zukunft zu entwickeln.
Das Prinzip der Zukunftsprognose erklärt er am Beispiel der Popcorn-Zubereitung in der Pfanne.

  • Man nehme einen Topf und bedecke den Boden mit Öl.
  • Man nehme eine Handvoll Popcorn-Mais und streue den Mais ins Öl.
  • Man erwärme den Topf auf 180 Grad.
  • Man wappne sich mit Geduld.

Nach 30 Sekunden werden die Ersten nervös, nach 60 Sekunden die meisten anderen. 90 Sekunden lang geschieht gar nichts. Doch dann, wenn man die Übung schon abbrechen will, poppt das erste Maiskorn! Und das zweite, das dritte, ganz viele. Schon braucht es einen Pfannendeckel, damit die vielen Popcorns nicht aus der Pfanne springen!

Der Tipping-Point
Was bedeutet diese Metapher für die Zukunftsforschung?
Den Zeitpunkt, an dem ein Ereignis erstmals eintritt, kann man relativ genau bestimmen – hier etwa anhand der Temperatur, die in der Pfanne und somit in den Maiskörnern linear ansteigt. Dann, ab einem ziemlich genau bestimmbaren Zeitpunkt, führt die lineare Erwärmung zu einer exponentiellen Entwicklung. Das ist der sogenannte Tipping-Point. Der Tipping-Point beschreibt bei einer Entwicklung den Punkt, ab dem man mit Diskontinuitäten rechnet. Also Trends, die nicht linear verlaufen, sondern das Potenzial haben, ganze Industrien zu verändern und komplett neue Rahmenbedingungen zu schaffen.

Das exponentielle Wachstum
Wie jährliches exponentielles Wachstum die Welt verändert, beschreibt Thomsen am Beispiel der Mobilität. «Bei Elektromobilität sind wir genau am Tipping-Point angelangt», sagt Thomsen an der Konferenz. «Von Jahr zu Jahr wächst der Marktanteil der Elektrofahrzeuge exponentiell, verdoppelt sich von Jahr zu Jahr, getrieben von mehreren Trends: Die Batterien werden billiger, langlebiger und energiedichter. In bereits zwei bis drei Jahren werden Autofahrer in einer Gesamtkostenbetrachtung viel weniger für ein Elektroauto zahlen müssen als für ein normales Fahrzeug mit einem Verbrennungsmotor. Das Thema muss jetzt sehr schnell angegangen werden, ansonsten ist man schon zu spät.»
«If a trend becomes too obvious – you’re too late», sagte Steve Jobs, als Apple das iPhone erfand.

Die neuen Geschäftsmodelle
Auch was das «Internet der Dinge» betrifft, ist der Trend längst offensichtlich geworden. Es wachse zurzeit 80 Mal schneller als das «Internet der Menschen», sagt Thomsen. Mittlerweile sei die Hälfte der Menschen am Internet der Menschen angeschlossen, die Welt umspannt von einem «digitalen Nervensystem».
«Glasfaser und Punkt-zu-Punkt-Verbindungen werden somit zur wichtigsten Infrastruktur», sagt er. Damit sich die Investition in Glasfaser lohne, brauche es neue Geschäftsfelder, die auf Zukunftstrends basieren.
Eine entscheidende Zukunftsfrage werde sein: Wie werden diese Daten gespeichert und geschützt? «Es fehlt uns heute ein Rechtsrahmen, der nicht unter Kontrolle eines anderen Regimes ist.» Thomsen betont, dass es nebst der Versorgungsinfrastruktur, die an Leitungen gebunden ist, Datenzentren braucht, die die Sicherheit der Daten gewährleisten.

Wettbewerbsvorteil Thurgau
So wie die EKT-Gruppe, Gastgeberin der openaxs FTTH Conference, eines unterhält. «Wir hosten die Daten unserer Kunden in deren Nähe, das schafft Vertrauen», sagt Peter Schütz, Verwaltungsratspräsident der EKT-Gruppe.
«Im Falle eines Blackouts verdunsten die Daten nicht in einer Cloud, sondern die Unternehmen können sie physisch bei uns abholen», ergänzt Martin Simioni, Geschäftsführer der EKT. Und zeigt auf, wie knapp die Schweiz am 20. Mai 2019 an einem solchen Blackout vorbeigeschrammt ist.
«Die produzierende Industrie ist darauf angewiesen, dass ihre 3D- und videobasierten Daten schnell und sicher zu ihren Kunden gelangen. Deshalb schafft unser Datenzentrum langfristig einen wichtigen Wettbewerbsvorteil für die Thurgauer Wirtschaft und Gesellschaft», ist Regierungsrat Walter Schönholzer überzeugt.
Für den schnellen und sicheren Transport der Daten sorgt ein fast 500 Kilometer umfassendes Hochleistungs-Glasfasernetz, für den sicheren Datenaustausch zwischen den Unternehmen eine Service-Plattform der EKT.

Potenzial der Sicherheitsdienste
Thomsen sieht weitere zukunftsträchtige Geschäftsfelder für Energieversorger. Neue Geschäftschancen biete beispielsweise die Alterung der Bevölkerung: Die weltweite Lebenserwartung erhöhe sich jährlich um drei Monate. Die Alterspflege werde immer weniger finanzierbar. Immer wichtiger würden somit Dienste, die es Menschen ermöglichen, länger zu Hause zu wohnen. «In den USA verdienen Energieversorger bereits heute mehr Geld mit Sicherheitsdiensten als mit Energie. Sie verkaufen intelligente Überwachungskameras, die Unregelmässigkeiten, Abweichungen von bekannten Mustern erkennen, beispielsweise wenn eine Person stockend atmet oder in einer ungewöhnlichen Position verharrt.»

Die bessere Lebensqualität
Thomsen nennt dieses Mustererkennen und Lernen daraus «das Ende der Dummheit» – leider nicht von Menschen, sondern von Maschinen, wie er schmunzelnd anfügt. Dumme Geräte, die auf menschliche Intelligenz angewiesen waren, werden ersetzt durch selbstlernende. «Wenn wir von der Künstlichen Intelligenz sprechen, gehen wir weg von einer festen Programmierung hin zu Maschinen, die wie Menschen in der Lage sind, Dinge zu lernen, weil sie Muster verstehen», sagt Thomsen.
Er erklärt die Entwicklung anhand der persönlichen Assistenz. Als er eine neue Mitarbeiterin angestellt habe, sei diese bezogen auf ihre Aufgaben im neuen Arbeitsumfeld ziemlich dumm gewesen. Doch sei sie jeden Tag schlauer geworden, heute könne sie 95 Prozent seiner Aufgaben erledigen. «Sie versteht mein Netzwerk, meine Präferenzen, meine Arbeitsweise. Das Gleiche kann auch die Künstliche Intelligenz. Nur wird deren Lernprozess viel schneller sein.»
Die Folge davon in einem optimistischen Szenario: Weniger Routinearbeit und mehr Lebensqualität für Menschen.